Frankfurter Allgemeine Zeitung 02.12.2009, Nr. 280

HANS SACHS ALS NEUTÖNER

Russische Szene: Härtetest für Deutsche Komponisten
MOSKAU, 1. Dezember.

Allen Unkenrufen zum Trotz hat das Goethe-Institut die hohe Muse noch nicht abgeschrieben.
Ein Glanzpunkt des alljährlichen Festivals „Moskauer Herbst“, auf dem der russische Komponisten-verband seine Ernte einfährt, war diesmal der Besuch der deutschen Komponisten Jörg Widmann und Helmut Zapf sowie des Pianisten Siegfried Mauser, die mit russischen Kollegen ein gemeinsames Konzert bestritten und in Sonderseminaren ihr Schaffen vorstellten.
Im großen Saal des Verbandsgebäudes, wo einen Monat lang Aufführungen anspruchsvoller Avantgardisten und Militärorchester, minimalistische Konzeptmusik und orthodoxe Kirchengesänge quasi „demokratisch“ alternierten, spielten die vorzüglichen Solisten des „Ensembles für zeitgenössische Musik“ gemeinsam mit den illustren Gästen ein Programm, in dem deutsche Materialarbeit und russischer Freigeist einander aufs schönste ergänzten.

Bejubelt wurde insbesondere Zapfs ausladendes Stück „Albedo VIII“ für Altflöte, Cello und Klavier, worin der gelernte Kirchenmusiker eine reiche Geräuschklangpalette mit altmeisterlich anmutender Satzkunst verarbeitet. Rhythmisierte Attacken münden in silbrige Flageolettschleier, wobei Flöte und Cello einander subtil imitieren und in metronomartigen Pochpassagen die Albedo-Reflexionswirkung, die den Komponisten inspirierte, auszumessen scheinen. Anderntags stellte Zapf, der wie ein ernster
Hans Sachs des Neutönertums auftrat, den Studenten und Verbandsmitgliedern noch sein konsumkulturkritisches Hauptwerk, die expressive Multimedia-Ballettmusik „Das Goldene Kalb“ vor.


Siegfried Mauser intonierte zunächst voll bajuwarischem Furor Rihms „Klavierstück Nummer 7“ mit seinem hochvirtuosen Akkord-Trommelfeuerwerk, das von lauter Kürzestpausen zerrissen wird, um
dann mit Widmann bei dessen Charakterminiaturen „5 Fragmente“ zu duettieren.
Die Gäste hätten durch ihre hochdifferenzierte Musiksprache imponiert, befand der russische Nachwuchskomponist Georgi Dorochow – sicher auch mit Blick auf das Klangfarbenfeuerwerk von Widmanns wildromantischer Fantasie für Soloklarinette. Zugleich erschien ihr Idiom Dorochow vorhersehbarer als das der russischen Kollegen, wie etwa Oleg Paiberdins „Guo Hua“ bewies,
das von einer Timbrestudie über apokalyptische Ausbrüche zu fernöstlicher Stilisierung hin- und wieder zurückimprovisiert.
Wladimir Nikolajews „Bewegtes Meer“, das vier Sätze melodischer Wellenmuster in Streichern und Klavier aneinanderreiht, setzte einen herablassend konzeptualistischen Akzent. Zapf und Mauser zogen nach ihrem Moskauer Auftritt mit den russischen Musikern weiter in die Provinzstädte Perm, Ischewsk und Tschaikowsky.

KERSTIN HOLM
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