Uraufführung zur Rheinsberger Pfingstwerkstatt 2006
von Stefan Amzoll (Junge Welt Juni 2006)
Pfingstsonntag gab es die Ballett-Uraufführung „Das goldene Kalb“ von Helmut Zapf, ein Auftrag der Musikakademie Rheinsberg.
Ulrike Liedtke, die nicht müde wird, deutsche Komponisten und Künstler aus dem Osten zu fördern und mit diesen auch künstlerisch zu koproduzieren.
Frau Liedtke schrieb das Libretto zu dem Zapf-Werk, eine Skizze die sich eher symbolisch als szenaristisch auf der Bühne verwirklichte. In Rede stehen – man höre – Menschheitsprobleme. Hervorstehend die differenziert abgestufte Bühne (Wiebke Horn) wie die Raumaufteilung des Orchesters. In den Ecken sind treppenförmig Instrumentengruppen postiert.
Auf der Empore agiert eine Solotrompete (Ulf Behrends).
Der Dirigent (Arno Waschk) ist gleichsam stählern eingefasst, agiert wie ein Priester auf der Kanzel und traktiert von oben die Tänzer (Dance Company Bettina Owczarek) und das aus 15 Musikern bestehende Ensemble Mosaik. Die Spieler und Tänzer agieren eine alte archaische Welt in gegenwärtigem Gewande aus. Ganze Spektren archaischer Topoi kommen zum Zuge: Extase, Circensisches, Rituale noch und noch. Auch Zirkusartistik, bisweilen etwas zu viel davon. Bitter um die Individuen ist es bestellt, fallen die schwarzen Trauerflore vom Himmel und umhüllen, umzwirnen, umschlingen, erdrücken, ersticken die Kreaturen unten.
Aber das schwarze Tuch bietet auch Schutz, vor bösen Mächten, hässlichen Tieren (die nicht zu sehen sind), vor arroganten Imperatoren.
Den bisweilen wahnwitzigen Bewegungsritualen entspricht eine ressourcenreiche, äußerst mobile Musik. Schlechthin entscheidend ist die rhythmische Dimension. Der Zeperniker Komponist Helmut Zapf hat diese sorgsam auskomponiert und auch sonst viele Einfälle gehabt. Ruhe – aufsteigende Hitze – Spannung – Hochspannung – kontrollierte Deskalation, äusserte Ruhe, das sind die dramaturgischen Eckpunkte. Interessant die stehenden Bilder. Wie beim fotografischen Klicken hält zweimal die Gesamtbewegung des Ensembles an. Bob Wilson hat das einst vorgemacht. Aber der Varianten gibt es viele. Regisseurin und Choreografin Bettina Owczarek hat sich gleichfalls manch Interessantes einfallen lassen. Ihre Bilder sind strukturell einprägsam und inhaltlich klar. Ein Kalb muss nicht auftreten, dafür ein Herrscher mit güldenem Schlips und noch güldeneren Schuhen. Ein Yupi der Jetztwelt, Herrscher ohne Ende, zum Schluss erdrückt durch die Last der schwarzen Trauerschals. Besonders einprägsam das marionettenhafte Schlussbild. Verschidedene soziale Typen erstarren am Ende zu einem Bild des Entsetzens: der schwarze Imperator, die Edeldame in Rot, der Teeni mit Sportschuhen, die am Boden Wischende, die durch den Wind segelnde Balletteuse, die ewig in den Himmel blickende Turkis-Frau.
Vor vollem Haus war eine Ensembleleistung von Rang zu erleben. Solch neue Kunst hat wohl Rheinsberg noch nicht gesehen.